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Paulus Luther

Sein Leben von ihm selbst aufgeschrieben. Ein wahrhaftiger Roman

Christoph Werner

Ein lesenswerter und informativer historischer Roman, der das Leben Paul Luthers - jüngster Sohn Martin Luthers und seines Zeichens fürstlicher Leibarzt und Alchimist - erzählt.

Das Wodansheer

Das Wodansheer

Johann Hubert Schmitz

Allerorts in der Eifel sind Geschichten über ein Heer unheimlicher Wesen bekannt, die immer an den gleichen Orten vielstimmig redend über den Himmel ziehen. Manchmal ertönt dabei eine überirdische Musik. Ein anderes Mal erfüllen lautes Geschrei und Tiergeräusche die Lüfte. Auch wurden laut der Überlieferung verschiedene Orte von dieser akustischen Erscheinung heimgesucht. Nicht nur in der Eifel, sondern deutschlandweit berichteten die Ältesten der Dörfer von ihren Erlebnissen mit dem Heer des germanischen Gottes Wodan, anderorts auch als Odin bekannt.

Carolin Eberhardt

Eines Abends, in langen Vorzeiten, begab sich der Baron Berg von der Burg Weinsfeld in Begleitung seines Försters Stoll durch den Wald, welcher „Dorfguth“ genannt wurde, um eine Stelle zu erreichen, die als Schnepfenstrich bekannt war. Nachdem sie eine Weile dort gestanden hatten, vernahmen sie aus der Luft ein plötzlich aufbrausendes, vielstimmiges Geräusch, welches sich näher und näher auf sie zuzubewegen schien. Der Baron, von dem Geschehen tief erschrocken, flüchtete schnellen Fußes zurück in die sichere Burg, der Förster allerdings stand wie gebannt auf einer Stelle und wartete das weitere Treiben ab. Aus dem vorherigen Getöse hoben sich nun mehr ein deutliches Hundegebell, Gewieher, Wagengerassel, Katzengeschrei und anderes ab, welches auch aus der Luft zu kommen schien. Förster Stoll hörte zwar die Geräusche, konnte aber die Ursache nicht erkennen. Gespannt ob des Urhebers stand er da, bis das Spektakel vollends vorüber war und kehrte dann, ohne einen Anblick zu erhalten, ebenfalls zur Burg zurück. Dort angekommen teilte ihm sein Herr den Grund für seine plötzliche Flucht mit: „Hast du denn nicht auch in den Lüften das wütende Heer vernommen? Das kann nur der leibhaftige Teufel selbst gewesen sein. Seine Ankunft wollte ich nicht wehrlos abwarten.“

Ein gewisser Thull von Dreis, welcher eines Tages mit seinen Weggefährten im Dreiser Wald auf der Fuchskaule seine Pferde weidete, vernahm dieselben eigenartigen Geräusche in den Lüften. Als Erklärung gab er an, dass es sich hierbei um das „Wodesheer“ gehandelt habe, welches in der Gegend oft gehört, aber nie gesehen wurde und zu jeder Zeit einen bevorstehenden Krieg angekündigt hatte.

Doch gab es in dahingehenden Jahren auch durchaus Menschen, die das herannahende übernatürliche Heer mit ihren eigenen Augen sehen konnten. So haben am Hafelbüsch, unfern Strohbüsch, in der Nähe des dortigen Tommen, mehrere Bewohner einen mit vier Pferden gespannten Wagen gesehen, der mit viel Getöse durch die Luft fuhr. Ein Bursche namens Daniels aus Driesch wurde beim Kolberborn, an der Straße von Luzerath nach Kaisersesch ebenfalls eines solchen Wagens ansichtig. Doch gab er an, der Wagen habe geglüht und sei 2 Meter über der Erde mit lauten Geräuschen durch die Luft gefahren. Als das Gespann dicht an ihm vorüber flog und der Bursche in dessen Richtung einen Schlag ausführte, erhielt er sofort einen Gegenschlag, woraufhin er sofort danach schwer erkrankte, sich bald aber wieder erholte.

Zwei Zeugen aus Kirchweiler, Peter Surges und Peter Wirtz, berichten von ihrer Begegnung mit dem „Wuthesheer“ im königlichen Walde Kinscheid: „Es kam uns vor, als wenn viele hundert Menschen im Walde Holz fällten und zerpflückten. Die Wagen hörten wir rasseln und die Peitschen knallen. Wir vernahmen zugleich auch andere und seltsame Töne, gleich einem Flüstern und Knistern in den Blättern der Bäume. Dies währte jedoch bloß einige Minuten, und dann war alles vorüber.“ Die ältesten Leute aus Kirchweiler erzählten, dass sie fast allnächtlich in dieser Weise das „Wuthesheer“ im Walde Kinscheid vernommen haben.

Nicht nur an den bereits benannten Stellen wurde das Auftauchen des unheimlichen Heeres von den Einwohnern bemerkt. Auch in dem damals Basselt benannten Wald in der Nähe von Fleringen, beschrieben verschiedene Ansässige den übernatürlichen Zug, welcher von Weinsheim nach Sondelsheim zog, sich Wolwerath zuwandte und sich dann nach recht oder links hin abkehrte.

Im Jahr 1847 waren die Einwohner von Halenfeld und Oberlascheid im Herbste mit dem Ausdreschen des Wild- und Saatkorns beschäftigt, als sie plötzlich abends, es war gegen 9 Uhr, ein Getöse in der Luft vernahmen, welches durch ein Stimmengewirr, leise, schöne Gesänge, Musik und Pistolenschüsse durchkreuzt wurde. Die Leute liefen daraufhin aus ihren Scheunen heraus und riefen sich aufgeregt zu: „Hört! Hört! Was ist das?“

Für all diese, meist nächtlich auftretenden, Erlebnisse erzählt die Volkssage folgende Entstehungsgeschichte: Ein Graf, welcher ein leidenschaftlicher Jäger war, wollte einst am heiligen Pfingsttage mit seinen Gesellen zur Jagd ziehen. Seine Gemahlin, eine sehr fromme Frau, wollte ihren Gatten von diesem Vorhaben abhalten, denn sie erklärte, dass es doch an so einem heiligen Tage ziemlich unziemlich sei, dem Jagdwerk nachzugehen. Daraufhin entgegnete der Graf: „Du magst heute beten, wie es sich für eine Betschwester gehört. Ich aber ergötze mich am Verenden des Wildschweins oder Hirsches.“ Schon hatte er seinen Satz beendet, schickte er sich an, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Seine Gemahlin, mit heftigem Unwillen erfüllt, rief ihm nach: „Nun, so jage nur bis zum jüngsten Gericht!“

Der Graf kehrte am Abend nicht zu seinem Schlosse zurück; er ward nimmer mehr gesehen. In derselben Nacht aber vernahm man aus der Luft ein Getöse, als ziehe oben am Himmel ein Heer von Jägern, Rossen und Hunden. Und jedes Jahr, bis zum jüngsten Tage, ist der Graf nun, besonders an Vorabenden heiliger Tage, dazu verdammt, mit seinen Genossen am nächtlichen Himmel dahinzuziehen.

nacherzählt von Carolin Eberhardt

*****

Textquelle:

Schmitz, Johann Hubert (Hrsg.): Sitten und Sagen, Lieder, Sprüchwörter und Räthsel des Eifler, nebst einem Idiotikon, Trier: Druck und Verlag der Fr. Linz'schen Buchhandlung,1856.

Bildquellen:

Vorschaubild: Asgårdsreien, Gemälde von Peter Nicolai Arbo, 1872 via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Michael Emil Sachs - Eifellandschaft mit Kirchdorf 1859 via Wikimedia Commons Public Domain.

Lessing Landscape in the Eifel Mountains (detail), 1834 via Wikimedia Commons Public Domain.

Wildschweinjagd, Gemälde von René Princeteau, ca. 1914 via Wikimedia Commons public domain.

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